Ich werde oft gefragt, warum ich mit der Harley so schnell unterwegs bin. Schnell – denk ich mir – das bin ich ja nicht wirklich. Wenn wirklich einer mit einem Motorrad schnell unterwegs sein will, dann ist er wahrscheinlich mit der Harley nicht optimal ausgestattet. Der Tacho ist ja nur bis 220 angeschrieben, da wo es mit dem Jogurtbecher angeblich erst anfängt Spaß zu machen. Diese Erfahrung habe ich nicht und ehrlich gesagt, will ich sie gar nicht kennen lernen.

Zügig, ja zügig, so würde ich es nennen, wenn ich durch die Kurven gleite. Und ich merke, wie es mir die Mundwinkel nach oben zieht, wenn ich eine Kurve nach der anderen richtig am Zug durchgleiten kann. Den Blick immer weit nach vorne gerichtet, also nicht vors Vorderrad. Nein, wirklich weit nach vorn. In den Strassenverlauf, nach links und rechts, auf die möglichen lauernden Gefahren und natürlich auch nach vorn die Landschaft genießend.
Sollten nach Kurven wieder langweilige Geraden auftauchen, drehe ich immer schon unbewusst den Gashahn zu. Einerseits um meinen Mitreisenden ein stressfreies Aufholen zu ermöglichen, andererseits aber weil es mir keinen Spass macht auf der Geraden schnell zu fahren. Überhaupt schnell fahren macht mir mit der Harley keinen Spass. Zügig zu fahren aber wie gesagt sehr wohl.

Wo liegt jetzt also die Definition „Spaß haben“ beim Harley fahren?

Muss ich langsam dahinzockeln um angeblich Spass zu haben, wo andere ihn haben. Ich denke nicht. Ich würde es für mich so definieren:
Ich habe extrem viel Spass mit der Gruppe unterwegs zu sein. Das macht das Harley Fahren für mich aus. Und in der Gruppe gibts Regeln, ganz klar. Die hängen natürlich von der Größe der Gruppe ab. Gruppen von 5-6 Bikern sind sehr leicht zu handeln, es ist da eigentlich kein großer Unterschied, ob du alleine fährst, zu zweit oder eben mit bis zu 6 Bikern. Einer ist der Leithammel (meistens ich), der für die Tourenführung, Stopps usw. verantwortlich ist. Alles wird kurz bei den Stopps gemeinsam besprochen und abgestimmt. Der Leithammel fährt dann eben vor, checkt die Route, schaut regelmäßig im Rückspiegel, damit auch keiner verloren geht. Es ist aber völlig egal ob die Gruppe kurz abreißt, oder ob sie zusammenbleibt.

Mein Credo lautet und das funktioniert seit nunmehr fast 20 Jahren, wenn ich Gruppen anführe: Niemand muss Angst haben, dass er verloren geht, jeder fährt sein Tempo und ich warte bei allen Abzweigungen auf den Letzten der Gruppe.

…und tatsächlich, wenn jeder dieses Gefühl hat, es läuft alles stressfrei (egal wie schnell jeder fährt), dann ist es wirklich relaxt und alle haben ihren Spaß – darauf kommt es ja an.
Aber auch große Gruppen machen mir extrem viel Spaß. Auf unseren Ausfahrten und jährlichen Touren führe ich oft bis zu 40 Bikes und mehr an. Das bedarf dann natürlich ein wenig mehr an Organisation und ein wenig strengeres Regiment und eine andere Zeitplanung. Einmal Tanken sind dann mal immer mindestens 30-40 Minuten, es dauert bei diese Menge halt seine Zeit. Aber auch so mal kurz stehen bleiben (um z.B. im Ausland mal nach dem Weg zu fragen, wenn das Navi versagt) geht unter 10 min nix. Warum?

Der eine muss Pipi, die andere muss mal den Helm richten, ach ja eine Zigarette wäre auch nicht schlecht, findet der Nächste. Und so wird aus „kurz nach dem Weg fragen“, meist gleich ein kurzer Stopp irgendwo am Asphaltband im nirgendwo. Aber es ist doch eigentlich egal. Wir fahren in der Gruppe, um gemeinsam Spaß zu haben. In jungen Jahren hat mich so eine, ich nenne es mal Disziplinlosigkeit, noch aufgeregt. Mittlerweile bin ich komplett entspannt. Es ist halt so wie es ist. Und bei diesen großen Gruppen ist es nicht meine Aufgabe alle irgendwo rasch durch die Tour zu peitschen. Nein. Alle sollen Ihren Spass haben und am Ende des Tages wollen alle sicher und relaxt am Ziel ankommen. Um das geht es ja. Und selbst in großen Gruppen ist es möglich, verschiedene Geschwindigkeiten zu fahren.

Hier gilt die selbe Regel: Niemand muss Angst haben, dass er verloren geht, jeder fährt sein Tempo und ich warte bei allen Abzweigungen auf den Letzten der Gruppe.

Was wiederum zur Folge hat, dass jeder auf seine Kosten kommt, und beim Fahren seinen Spass hat. Und somit sind wir wieder am Anfang und beim Thema Speed.

Jeder hat seinen eigenen Speed, der ihm gefällt, der ihm Spass macht. Der eine eher ein bisschen vorsichtiger, der andere eher ein bisher rascher. Ganz egal. Für jeden selbst muss es passen und nicht für den anderen. Den wir fahren ja gemeinsam und wir wollen gemeinsam Spass haben und uns keine Vorschriften machen.

Die geilsten Bikes der Welt

Ich selbst fahre mit der Harley gerne zügig. Die Kiste (wenn ich die geilsten Bikes der Welt) so nennen darf, fahren sich nämlich mittlerweile erstklassig und brauchen keine Vergleich mit der Konkurrenz mehr zu scheuen und es ist schon verdammt cool, wenn du die 350 Kilo und mehr in den Asphalt drückst und am Trittbrett kratzend (oder noch besser ganz knapp davor) durch eine langgezogene Kurve im 3. oder 4. Gang gleitest. Selbst wenn ich diese Zeilen schreibe, kommt mir ein Grinsen. Harley fahren eben und das seit nun fast 20 Jahren!!!

You never ride alone!

Stefan